Stadt & Land – Innovativ & digital

Grüne Strategien für Start-up-Kultur und Digitalisierung in den ländlichen Räumen

Wir GRÜNE stehen für gleichwertige Lebensbedingungen in allen Regionen unseres Landes. Doch diese Gleichwertigkeit war selten so bedroht wie heute: Während die meisten Großstädte und Speckgürtel boomen, leiden viele ländliche Regionen unter Bevölkerungsschwund, Attraktivitätsverlust und Infrastrukturkrise. Dabei bietet der ländliche Raum viele Chancen und Standortvorteile gegenüber den Ballungszentren. Es gilt, diese Vorzüge ländlicher Regionen besser zu nutzen als bisher. Denn ansonsten droht der digitale Wandel den Prozess des Auseinanderdriftens von Stadt und Land weiter zu verschärfen. In einer digitalisierten Gesellschaft werden sich das jahrzehntelange Versagen im Ausbau der digitalen Infrastruktur und fehlende digitale Teilhabemöglichkeiten besonders bemerkbar machen. Deshalb  darf niemand im Zeitalter der Digitalisierung abgehängt werden. Wir wollen den digitalen Wandel für die ländlichen Regionen aktiv gestalten, anstatt nur zuzuschauen. Die Chancen der Digitalisierung müssen allen Menschen in NRW zur Verfügung stehen. Denn was bei der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse unter analogen Bedingungen galt, gilt im digitalen Zeitalter erst recht: Die Zukunft der Demokratie hängt auch davon ab, gleichwertige Lebensstandards im ganzen Land zu gewährleisten. Wir wollen mit diesem Papier Vorschläge machen, wie das gelingen kann. Wir laden alle Menschen ein, daran mitzuwirken, diese Ideen in die Tat umzusetzen, zu debattieren, um noch bessere Vorschläge hervorzubringen.

Der ländliche Raum hat für Start-ups viel zu bieten

Start-up-Politik und Berichte über Start-ups sind heute noch stark auf Ballungszentren konzentriert. Das wollen wir ändern. Diverse Beispiele erfolgreicher Gründungen aus den ländlichen Regionen zeigen, dass der ländliche Raum für Gründerinnen und Gründer enorm viel zu bieten hat. Nicht zuletzt zeigt die Statistik, dass Gründungen im ländlichen Raum nachhaltiger erfolgreich sind als Gründungen in Großstädten. Wir wollen für eine bessere Sichtbarkeit dieser Vorzüge sorgen und zugleich alle Initiativen unterstützen, die sich um eine bessere Förderung von Gründerinnen und Gründern in ländlichen Gebieten einsetzen. Das gelingt nur mit Kooperation, die auch über Kreis- und Gemeindegrenzen hinausreichen muss.

Der ländliche Raum bietet Vieles, das für Start-ups attraktiv ist, z.B. verhältnismäßig günstige Mieten für Gewerbe und Wohnraum, bessere Luftqualität, weniger Lärm und weniger Verkehrsbelastung. Die dezentralen FH-Standorte helfen bei der Gewinnung von Fachkräften und sind selbst Orte für Ausgründungen. Sie können Zentrum für eine neu entstehende Start-up-Kultur im ländlichen Raum sein. Auch sind die Hebesätze für Grund- und Gewerbesteuer in den ländlichen Regionen häufig geringer als in den Großstädten.

 Der ländliche Raum hat mehr zu bieten als bloße „Landlust“-Idylle. Er ist mit seiner starken, mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur das Kraftzentrum unseres Landes. Von den über 300 nordrhein-westfälischen Hidden Champions verteilt sich ein Großteil auf den ländlichen Raum Süd- und Ostwestfalens sowie das Münsterland. Die fünf größten von Ihnen haben allein einen Jahresumsatz von mindestens 1 Milliarden Euro. Die über 700.000 Mittelständler bilden das ökonomische Rückgrat Nordrhein-Westfalens. Gerade im ländlichen Raum ist der Mittelstand aus Handwerk, Industrie und Handel breit vertreten.

Und diese gebündelte wirtschaftliche Kraft ist überaus attraktiv für Start-ups, denn wo Wirtschaftskraft ist, sind auch Mittel für Investitionen und zudem die Möglichkeit zur Anbindung an andere erfolgreiche Wirtschaftsbereiche wie z.B. das produzierende Gewerbe, Erneuerbare Energien und Landwirtschaft.

Vor diesem Hintergrund sehen wir drei Handlungsdimensionen, damit Start-up-Kultur und ländlicher Raum gemeinsam vorankommen können:

1. Start-ups bringen den etablierten Mittelstand auf Zukunftskurs: Wenn wir dieses einzigartige Kraftpaket erhalten wollen, brauchen wir junge Innovator*innen, die den Mittelstand bei der Digitalisierung unterstützen, Geschäftsmodelle und Produkte hinterfragen und Neues schaffen. Der Mittelstand ist geprägt auf Innovation – und ist grandios darin, ausgereifte Produkte und Prozesse weiter zu verbessern. Der Mittelstand ist aber nicht disruptiv. – Sie müssen sich auf diese Herausforderungen einstellen. Daher sollten mehr Unternehmen die Zusammenarbeit mit Start-ups suchen und sich von ihnen unterstützen lassen. Die Erfahrungsberichte mit solchen Kooperationen sind durchweg positiv.

2. Start-ups schaffen hochqualifizierte Arbeitsplätze auch im ländlichen Raum: Wenn es uns gelingt, sie verstärkt im ländlichen Raum anzusiedeln, wirken wir der Tendenz entgegen, dass jüngere Menschen vom Land zum Studieren in die Großstädte gehen und dort auch bleiben. Wir wollen dieser Bevölkerungsgruppe Anreize liefern, ihre Zukunft im ländlichen Raum aufzubauen. Arbeitsplätze in Start-ups helfen dabei.

3. Die Start-up-Kultur liefert Impulse für die Stadt- und Gemeinschaftsentwicklung. Sie kann dazu beitragen, das Leben in der Stadt lebenswert und „modern“ zu machen – warum nicht auch auf dem Dorf?

Wir sind überzeugt, dass wir unseren Planeten nur mit den Möglichkeiten der Digitalisierung, Technologie und Innovationen lebenswert halten können. Hierdurch Wege aus der Klimakrise zu finden, ist eine Aufgabe, der wir uns in allen Regionen gleichermaßen stellen wollen.

Deutschland ist beim Ausbau der digitalen Infrastruktur nach wie vor digitales Entwicklungsland mit einem Glasfasernetz, das bundesweit nur 2,6 Prozent der Bevölkerung erreicht und einer Mobilfunkversorgung auf dem Niveau Albaniens. Wir wollen, dass Stadt und Land gleichberechtigten Zugang zu den digitalen Infrastrukturen – insbesondere der Versorgung mit Glasfaser, Mobilfunk auf 5G-Standard und eine vollständig digitalisierte Verwaltung auf allen Ebenen – bis spätestens zum Ende des kommenden Jahrzehnts erhalten.

Die Lösungen für die Probleme des ländlichen Raums sind digital

Der ländliche Raum weist Herausforderungen auf, die nicht vergleichbar sind mit den Bedingungen in städtisch geprägten Regionen. Herausforderungen sind das Fundament für Innovationen. Durch die spezifischen Bedingungen auf dem Land lassen sich Konzepte und Ansätze aus urbanen Regionen nicht einfach übertragen. Wir setzen uns hierbei besonders ein für eine Start-up-Kultur, die zum ländlichen Raum passt.

Von der Politik erwartet der ländliche Raum kreative Antworten!

  • Die Energiewende findet zu einem großen Teil im ländlichen Raum statt. Hier liegen die großen Erzeugungskapazitäten für Windenergie und Wasserkraft, Solarenergie und Biomasse. Hier werden auch die technischen Ansätze für intelligente Steuerung, Sektorenkopplung zwischen Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor und innovative Verfahren wie Wasserstoffherstellung mit Ökostrom erprobt. Um diesen Ansätzen zum Durchbruch zu verhelfen, braucht es die Entwicklung von Planungs- und Monitoringtools, die Entwicklung von Geschäftsmodellen sowie die technische und betriebswirtschaftliche Begleitung und Evaluation der entsprechenden Pilotprojekte.
  • Die Verkehrswende darf kein Großstadtprojekt sein. Während in größeren Städten bereits heute zahlreiche attraktive Alternativen zum eigenen Auto angeboten werden, wird auf dem Land auf absehbare Zeit der Individualverkehr eine große Rolle spielen. Digitale Car- und Ridesharingmodelle bieten hier großes Potenzial. Wenn sich Buslinien heute nicht rentabel betreiben lassen, helfen digitale Angebote im On-Demand-ÖPNV. Wir setzen hierbei auch auf Wasserstoffmobilität.
  • Viele Gemeinden im ländlichen Raum, gerade kleinere Dörfer leiden unter einem Attraktivitätsverlust ihrer Ortskerne. Viele Geschäfte müssen schließen, auch weil sie durch den Boom des Onlineshoppings ihre Kund*innen verloren haben. Mit dem allgemeinen Attraktivitätsverlust werden auch solche Geschäfte und Lokale mit herabgezogen, die eigentlich gar nicht in Konkurrenz zum Onlinehandel stehen. Die Lösung liegt deshalb aber nicht einfach darin, die Dorfentwicklung abzuschreiben und auf die Digitalisierung zu schauen wie das Kaninchen auf die Schlange. Onlinehandel und stationärer Einzelhandel sind für uns keine Gegensätze. Pilotprojekte mit regionalen Onlinemarktplätzen zeigen nicht nur das wirtschaftliche Potenzial, sondern auch die Verknüpfungsmöglichkeiten mit taggleicher, kundennaher und umweltfreundlicher Auslieferung, beispielsweise in Form von einem Lieferdienst per Lastenfahrrad. Wir wollen innovative Unternehmer*innen bei solchen Ansätzen unterstützen. Das setzt aber auch voraus, dass die Einzelhandelsverbände sich der Digitalisierung endlich in ihrer ganzen Bandbreite stellen und den Mitbewerbern aus dem Internet nicht mit veralteten Konzepten wie mehr Parkplätzen und verkaufsoffenen Sonntagen zu begegnen versuchen.
  • Gerade in ländlichen Gebieten ist der Pflegenotstand bereits heute Realität. Die Digitalisierung gibt hier bereits heute unterstützende Angebote. Wir wollen Pflege und Versorgung mit Quartiersentwicklung verknüpfen und so zum Beispiel eine menschenwürdige ambulante Pflege von Mensch zu Mensch zu sichern. Digitale Unterstützungssysteme müssen sowohl für die Beschäftigten als auch für die Pflegebedürftigen zu guten und würdigen Bedingungen eingesetzt werden.
  • In der Landwirtschaft wollen wir die Chancen und Risiken der Digitalisierung genau abwägen. Digitale Lösungen können Fortschritte bei der Bodenbearbeitung mit sich bringen, Pestizid- und Stickstoffeinträge reduzieren und die Ressourceneffizienz insgesamt verbessern. Andererseits darf die Digitalisierung nicht zu einem weiteren Treiber der Industrialisierung der Landwirtschaft werden. Denn ein attraktiver ländlicher Raum braucht eine vielfältig strukturierte Landwirtschaft, die Artenvielfalt und intakte Lebensräume schafft, anstatt sie zu zerstören. Eine bäuerliche Landwirtschaft, die in Generationen und an die Natur denkt, ist ein Wert an sich für jede Region. Es braucht intelligente Ansätze, um diese Form der Landwirtschaft im Zuge der Digitalisierung zu erhalten und bestenfalls weiter auszubauen.

Dies sind nur einige Beispiele für eine ganze Reihe unbearbeiteter Fragestellungen im ländlichen Raum, für die digitale Lösungen, Innovations- und Start-up-Kultur einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung beisteuern könnten.

Innovation in der Wirtschaft muss auch Frauensache werden

Der Frauenanteil in der Start-up Szene ist erschreckend gering. Bisher gibt es nur wenige Gründerinnen in der Branche. Laut dem Female Founders Monitor 2019 sind nur 15,1 Prozent der Gründer*innen weiblich. Im Bereich der Softwareentwicklung und IT lag der Prozentsatz mit 5,7 Prozent noch geringer. Die Ursachen dafür liegen sicherlich auch darin, dass Frauen noch immer anteilig seltener MINT(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)-Fächer studieren, und von Banken seltener Kredite erhalten.

Dieser Entwicklung möchten wir emanzipatorische Ansätze in der Berufswahlorientierung, gezielte Frauenförderung und eine Sensibilisierung der Akteure entgegensetzen. Die bisherige Berufswahlorientierung an Schulen ist unterschiedlich in Umfang und Qualität. Aus unserer Sicht sollten geschlechterdifferenzierte Ansätze konsequent implementiert werden. Studien zeigen, dass Frauen in der Gründungsphase Ansprechpersonen und auch positive Vorbilder fehlen. Wir brauchen daher dezentrale Unterstützungsstrukturen und Veranstaltungsformate, die die Sichtbarkeit von Frauen in der Start-up-Szene erhöhen und ihnen bei der Realisierung ihrer Ideen helfen. Wir plädieren für einen landesgeförderten Female Innovation Hub und die Unterstützung weiterer Initiativen wie etwa Gründernetzwerke. Banken, Kammern, Wirtschaftsnetzwerke und Unternehmensvereine sollten für den Blick auf Frauen und aus Frauensicht sensibilisiert werden.

Denn gerade in Start-ups ist die Kompetenz von Frauen hilfreich. Der diverse Blick auf Algorithmen ist zwingend für deren Nutzbarkeit. Gerade in einer Situation des immer stärkeren Einsatzes von Algorithmen und künstlicher Intelligenz ist ein stärkerer Einsatz gegen Diskriminierung unabdingbar. Auch diesen Aspekt verstehen wir unter gleichwertigen Lebensverhältnissen.

Für ein Umdenken in der Wirtschaftsförderung

Wir wollen die Wirtschaftsförderung fit machen für das digitale Zeitalter. Der alte Irrtum, nur die Ausweisung zusätzlicher Gewerbeflächen zulasten von Natur und Umwelt sei „echte Wirtschaftsförderung“ hat ausgedient. Vielmehr geht es heute–erst recht im ländlichen Raum – darum, innovative Ideen zu fördern,  sowie Handwerk und Industrie bei der Digitalisierung zu unterstützen. Im ländlichen Raum stecken Startup-Kultur und kreative Wirtschaftscluster oft noch in den Kinderschuhen. Gerade hier ist die Wirtschaftsförderung gefragt, die notwendigen Entwicklungsprozesse anzuschieben.

Wir wollen kommunaler Wirtschaftsförderung, Unternehmen und Verwaltung helfen, kulturelle Schranken und Skepsis gegenüber innovativen und unkonventionellen Ideen und Unternehmensführungen abzubauen. Wir brauchen eine neue Wertschätzungs- und Ermöglichungskultur für neue, unkonventionelle Ideen. In dieser Kultur wird nicht Konformität, sondern Innovation, Mut zum Querdenken und Zukunftsorientierung honoriert. Dies gelingt nur, wenn Verbände und Kammern, Wirtschaftsförderungen und Unternehmensnetzwerke, einen solchen Kulturwandel hin zu mehr Offenheit zu begleiten und zu unterstützen. Den Kulturwandel zu forcieren ist eine knallharte politische Aufgabe. Es wird nicht ausreichen, sich auf „den Markt“ zu verlassen, weil dieser es bisher nicht schafft, die notwendigen Rahmenbedingungen bereitzustellen. Diese Ausgangslage macht das Engagement des öffentlichen Sektors – sprich der kommunalen Wirtschaftsförderung – notwendig.

Für die Etablierung einer ländlichen Digitalwirtschaft und eines Start-up-Ökosystems im ländlichen Raum müssen die Wirtschaftsförderungen sich zum Teil tiefgreifend umorientieren. Wo sie früher nur Gewerbeflächen vermitteln mussten, besteht aus unserer Sicht ihre Aufgabe vor allem darin, Orte der Inspiration und Begegnung von Kreativen und Innovativen im ländlichen Raum zu schaffen. Diese sehen wir insbesondere in Gründerzentren und digitalen Hubs, die in Kooperationen zwischen Wirtschaftsförderung, lokalen Unternehmen und Hochschulen entstehen sollten.

Besonders relevant ist für uns die Entwicklung neuer Coworking-Flächen insbesondere im ländlichen Raum, der deutlich unterversorgt ist mit diesen Infrastrukturen für unkonventionelles Arbeiten. Durch Förderpolitik, aber auch durch das Einplanen von Coworkingspaces bei der Dorf- und Stadtentwicklung können wir hier neue Räume schaffen. Coworkingspaces reduzieren Pendelverkehre, indem sie Arbeiten in der Nähe des Wohnorts ermöglichen und leisten so auch einen Beitrag zum Klimaschutz. Wir stellen uns zudem mobile Coworkingspaces vor, die – flankiert von einem Vernetzungs- und Eventprogramm insbesondere zu New Work-Themen – im Land für Coworking werben.

Mehr als bisher müssen die örtlichen Wirtschaftsförderungen die Gründungskultur, Innovationskraft und Offenheit für unkonventionelle Ideen fördern. Dafür brauchen sie mehr Unterstützung für kreative  und innovative Veranstaltungen, Vernetzungsevents und neue Konzepte. Durch mehr  Öffentlichkeitsarbeit über  positive Beispiele aus dem Start-up-Bereich können sie auch Räume schaffen für Experimentierfreudigkeit und neue Ideen.

Wirtschaftsförderungen sind ein wichtiger Player bei der Vernetzung von Start-ups und etabliertem Mittelstand. Sie müssen aber auch Gründungswillige innerhalb und außerhalb der Region gezielt ansprechen. Hier lohnt es sich, neben der Förderung von bereits ortsansässigen Fachkräften auch solche Menschen in den Blick zu nehmen, die zum Beispiel nach einem Studium zurückkehren in ihre Heimatregion oder für ein Studium aus der Region hinauspendeln. Die Zielgruppe sollte sich allerdings nicht auf Hochschulabsolventen beschränken, sondern gerade auch die Absolventen einer beruflichen Ausbildung in Handwerk, Industrie und Landwirtschaft berücksichtigen. Auch und gerade hier findet sich häufig ein großes praxisnahes Innovationspotenzial. Dabei setzen wir vor allem auf Ideen, die Antworten geben auf die großen ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die insbesondere vor Industrie und Landwirtschaft stehen.

In vielen Kreisen, Städten und Gemeinden gibt es in diesen Bereichen bereits gute Ansätze. Diese wollen wir ausbauen und gegenseitig bekannt zu machen. Nicht selten sind die Beschäftigten der Wirtschaftsförderungsgesellschaften hier schon viel weiter als viele Kommunalpolitiker*innen in den Aufsichtsgremien. Wir wollen mit starken Grünen ein Umdenken in der Politik vorantreiben, um diejenigen zu unterstützen, die sich schon heute im Sinne einer innovativen und ökologischen Wirtschaftsförderung auf den Weg machen.

Finanzierungsmöglichkeiten für Start-up-Vorhaben verbessern und erleichtern

Jahr für Jahr werden in NRW rund 90.000 Unternehmen gegründet. Hiervon fallen Schätzungen zu Folge rund 10% auf Start-ups. Gerade diese ca. 9.000 innovativen Unternehmen haben in ihrer Gründungsphase häufig einen nicht geringen  Investitionsbedarf, der häufig eben nicht vom Girokonto oder Sparbuch der Gründer*innen bestritten werden kann.

Innovative Geschäftsmodelle bieten hohe Chancen, aber gleichzeitig auch große Risiken: Der Grat zwischen komplettem Scheitern und disruptivem Durchbruch ist schmal. Dementsprechend werden sich auch bei optimalen Finanzierungsmöglichkeiten nicht alle Start-ups am Markt etablieren können. Je nach Branche liegt die Quote bei etwa 10-30 Prozent. Ob ein Geschäftskonzept funktioniert, entscheidet sich häufig erst hinterher. Neben der Finanzierung ist auch vor diesem Hintergrund der Kulturwandel umso entscheidender, mit dem Scheitern entstigmatisiert wird. Denn auch ein gescheitertes Start-up bietet für seine Gründer*innen enormes Lernpotenzial und steigert die Chance, dass die Gründung beim nächsten Mal auch langfristig erfolgreich ist.

Für potenzielle Kapitalgeber*innen bedeutet dies: Die Ausfallquote ist hoch. Zugleich ist eine Menge branchenspezifisches Fachwissen notwendig, um ein Gespür dafür zu bekommen, ob ein Technologie- oder Life-Science-Start-up wohl Erfolg haben wird oder nicht.

Eine hohe Ausfallquote müsste mit einem sehr hohen Risikoaufschlag bei den Kreditzinsen kompensiert werden. Dies würde unweigerlich dazu führen, dass ein Start-up allein aufgrund der Zinsbelastung wohl nie einen grünen Zweig sehen würde. Deshalb tun sich Sparkassen und Volksbanken mit der Finanzierung von Start-ups auch so schwer. Ihr Geschäftsmodell ist es, Kredite mit überschaubarem Risiko an Unternehmen zu vergeben, dessen Geschäftsmodell sie verstehen.

Ein Ausweg sind direkte Beteiligungen an dem Start-up in Form von Eigenkapital: Kapitalgeber*innen werden nicht Gläubiger*innen, sondern Miteigentümer*innen des Jungunternehmens. So profitieren die Geldgeber*innen auch theoretisch unbegrenzt an Wertsteigerungen des Start-ups, während bei einer Kreditvergabe lediglich eine Rückzahlung des Kredites sowie der Zinsen zu erwarten ist. Die höhere Ertragschance der Eigenkapitalbeteiligung rechtfertigt damit auch das höhere Risiko. Wir sehen hier einen Ansatzpunkt für die Sparkassen und Volksbanken, sich im Rahmen ihres öffentlichen Auftrags auch für diese neuen Märkte und Unternehmensphilosophien zu öffnen und die damit verbundenen Impulse für die regionale und lokale Entwicklung freizusetzen.

Allerdings mangelt es in NRW und insbesondere im ländlichen Raum an derartigen Eigenkapitalfinanzierungen. Während es im Silicon Valley für Start-ups ein Kinderspiel ist, innerhalb kürzester Zeit Millionenbeträge an Risikokapital einzusammeln, sieht die Situation in NRW für Start-ups wesentlich schwieriger aus.

Da nicht genügend privates Risikokapital existiert, liegt ein Marktversagen vor. Wir sehen den Staat und damit die Landesregierung in der Pflicht, entsprechende Angebote bereitzustellen. Ansätze hierfür sind zwar vorhanden, allerdings zu wenige, nicht in ausreichendem Volumen und insbesondere nicht überall in NRW.

So ist es Aufgabe der regionalen Seed-Fonds, entsprechendes Risikokapital bereitzustellen. Diese werden von der NRW.BANK als landeseigene Förderbank kofinanziert. Allerdings sind diese Fonds nicht flächendeckend verfügbar oder die Finanzierungsphase ist bereits ausgelaufen. Insbesondere im ländlich geprägten Südwestfalen und im Münsterland besteht großer Nachholbedarf. Damit liegen ausgerechnet die durch den starken Mittelstand geprägten Regionen, in denen wir besonderes Potenzial für die Entfaltung von Start-ups sehen, brach. Diesen Fehler muss die Landesregierung beheben.

Ein zusätzliches Problem hierbei ist, dass es sich bei den Seed-Fonds nur um eine Spitzenfinanzierung handelt. So fördert der Gründerfonds Ruhr durchschnittlich nur 2-3 Start-Ups pro Jahr, bei jährlich geschätzten 2.000 innovativen Gründungen im Ruhrgebiet.

Deshalb bedarf es hier weiterer niedrigschwelliger Angebote, um mehr innovative Start-ups zu einer Finanzierung zu verhelfen. Deshalb sprechen wir uns für einen Ausbau der NRW-Gründerstipendien aus. Das Gründerstipendium ist ein hervorragender Einstieg in die Gründungsphase, mit seiner Laufzeit von einem Jahr deckt es aber häufig nicht die Zeitspanne ab, bis eine Gründung tatsächlich erfolgreich am Markt platziert ist. Deshalb wollen wir als Anschlussfinanzierung ein Darlehensprogramm etablieren, das auf den Bedarf von Gründerstipendium-Alumni zugeschnitten ist.

Auch die bestehenden Mikro-Mezzanine-Fonds zur Unterstützung von innovativen Gründungen müssen in ihrer Kapitalbasis gestärkt werden, um mehr Start-ups als bislang erreichen zu können. Diese Fonds zeichnet sich durch eine Mischung von Eigen- und Fremdkapital aus. So können Investor*innen an der Unternehmensentwicklung Finanzierung partizipieren, ohne entsprechende Stimm- und Einflussrechte auf operative Unternehemensentscheidungen zu erhalten.

Schließlich sind auch private Crowdfunding-Plattformen eine Möglichkeit für Start-ups, an Wagniskapital zu gelangen. Hier bedarf es aber insbesondere verbesserten steuerlichen Anreizsetzungen, um mehr privates Risikokapital anzulocken.

Mittelstand-Up: Zusammenarbeit zwischen Mittelstand und Start-ups fördern

Auch die Zusammenarbeit zwischen etablierten Mittelstand und innovativen Start-ups bietet enormes Potenzial für beide Seiten: So können Start-ups von der Erfahrung von schon länger am Markt tätigen KMU profitieren. Gleichzeitig bietet sich für ältere KMU die Chance, durch neue Sicht- und Arbeitsweisen ihr Geschäftsmodell zukunftsfähig zu halten.

Deshalb sprechen wir uns dafür aus, den Mittelstand stärker bei der Entwicklung von Digitalstrategien zu unterstützen, auch durch geeignete Förderprogramme. Hierfür muss das Volumen der Innovations- und Digitalisierungsgutscheine ausgebaut werden, damit jedes KMU mit entsprechendem Förderbedarf auch profitieren kann. Es darf nicht länger der Fall eintreten, dass diese Mittel schon zur Jahresmitte aufgebraucht sind.

Mit Gründerschmieden die Wissenschaft aufs Land bringen

Die ländlichen Räume haben den großen Vorteil dezentraler Standorte der Hochschulen für angewandte Wissenschaften bzw. Fachhochschulen. Durch die starke Anwendungsorientierung, die in den letzten Jahren enorm gestiegene Forschungsleistung und die Nähe zur mittelständischen Wirtschaft sind diese Hochschulen die Keimzelle für eine neue Gründungswelle in den ländlichen Räumen.

Weil NRW bereits heute über ein dichtes Netz von FH-Standorten bzw. Studienorten im ländlichen Raum verfügt, braucht es für eine solche Gründungsdynamik keine neuen Fachhochschulen. Was wir aber brauchen, ist eine noch stärkere Öffnung zwischen Wissenschaft, lokaler und regionaler Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Nur so werden auf dem Land die Gründungsschmieden für das 21. Jahrhundert entstehen.

Diese Gründungsschmieden stellen wir uns vor als verknüpfte Gründungszentren, die gemeinsam von regionalen Akteurinnen und Akteuren getragen werden. Sie sollten angebunden sein an die regionale Wissenschaft. Unser Ziel ist, den Gründungsgedanken schon früh bei Studierenden zu verankern. Die Gründungsschmieden sollen im intensiven Austausch mit den örtlichen Unternehmen den Bedarf der örtlichen Wirtschaft identifizieren und ihre Anforderungen frühzeitig an die Hochschulen transportieren, die ihrerseits Gründungspotenziale bei ihren Studierenden wecken können mit dem Ziel, direkt aus den Hochschulen Unternehmen auszugründen.

Sowohl Hochschulen als auch Unternehmen könnten Büro- und Laborkapazitäten in diese Kooperation einbringen und so Innovationsräume und Netzwerkmöglichkeiten unter Gleichgesinnten schaffen. Die Kapitalstärke des Mittelstands wirkt dabei als zusätzlicher Anreiz für die Gründung vor Ort. Etablierte Unternehmerinnen und Unternehmer können zudem professionelle Unterstützung und Mentoring im Gründungsprozess bieten, das angepasst auf Spezifitäten des ländlichen Raums ist. Die Gründungsschmieden selbst bieten hierbei durch kreative Veranstaltungs- und Präsentationsformate Anknüpfungspunkte und Anreize für die Start-up-Szene.

Aber auch außerhalb der Hochschulen gibt es noch viele ungenutzte Potenziale. Wir wollen den Gründungsgedanken schon bei den Schüler*innen verankern, damit sie nach dem Studium zurückkommen und ihr Unternehmen in ihrer ländlichen Heimat gründen. Öffentliche Bibliotheken könnten um Maker Spaces und FabLabs ergänzt werden, um weitere Infrastrukturen für Innovation im ländlichen Raum zu bieten.

Zeit für eine gesellschaftliche Debatte!

Entweder wir gestalten die Digitalisierung, oder wir werden von ihr gestaltet. Wir wollen zu einer Digitalisierung kommen, die in allen Regionen unseres Landes den Menschen und unserem Planeten dient. Dafür brauchen wir heute mutige politische Entscheidungen. Die Probleme sind deutlich: Klimakrise, Gerechtigkeitskrise, das Auseinanderdriften der Lebensbedingungen. Die Digitalisierung verschärft diese Herausforderungen dramatisch, bietet uns aber auch enorme Chancen.

Wir verstehen dieses Papier als einen Impuls in einer großen Debatte. Wir wissen, dass nicht jede Entscheidung zu ihrer Gestaltung in Räten und Parlamenten getroffen wird. Deshalb wollen wir die Debatte gemeinsam mit Bürger*innen, Unternehmen, Start-ups und Zivilgesellschaft führen. Wir laden alle ein, sich zu beteiligen.

Autor*innen:

Matthi Bolte-Richter, KV Bielefeld. Mitglied des Landtags, Sprecher für Digitalisierung, Wissenschaft, Innovation und Datenschutz

Dagmar Hanses, KV Soest. Bezirksvorsitzende Westfalen.

Jan-Niclas Gesenhues, KV Steinfurt. Mitglied im Landesvorstand, Fraktionssprecher Kreistagsfraktion Steinfurt, Mitglied der Gesellschafterversammlung einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft

Simon Rock, KV Rhein-Kreis Neuss. 2012-2018 Mitglied des Landesvorstands, 2014-2019 Mitglied des Kreistags Kreis Siegen-Wittgenstein. Sprecher des Kreisverbands Rhein-Kreis Neuss.

Michael Basten, KV Bielefeld, Mitarbeiter im Landtag NRW

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